War es also gemeint, mein gelbgerauchter Freund?

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War es also gemeint, mein gelbgerauchter Freund?2012.01.27
geht noch
Zur Müllerin hin, so lautet der Sinn.
Von ferne, ganz von ferne2012.01.26
Es gibt einen Aberglauben, daß an dieser Schwäche, dem Mangel an Energie, dem fehlenden Lebensmut, der grauen Neigung sich zu betrinken, jemand schuld ist. Jemand, der mich aus der Ferne haßt und mich verwünscht. Jemand, der mich hochleben läßt, wenn die Sonne scheint, jemand, der mich gern hat, wenn ich nüchtern bin und der Wind weht und die frische Luft mich glauben läßt, an diesem Tag ein anderer sein zu können. Ich habe von B. geträumt anstelle von L. Wenn ich mich an irgendwas erinnern soll und das sollte ich, schießen die Zeiten zusammen. Kein Wunder, das wurde schon oft beobachtet. War es im Vorkrieg oder im Nachkrieg oder mittendrin? Gleich starke Erlebnisse werden zu einer einzigen Geschichte verquickt – frei über Zeiten und Orte hinweg. Alles in dem mal emsigen, mal trägen Quicksulver, der wir sind. B. und L. war gemeinsam, daß ich ohne sie nicht leben konnte. Ich will ein andermal davon erzählen. Daß H. schon gestorben ist, hat mich aus dem Konzept gebracht. Morgen wird er beerdigt. Dangerous goods in limited quantities2012.01.21
Ich weiß, das hab ich schonmal erzählt, vielleicht sogar besser, aber es hilft alles nichts, man muß immer wieder von vorne dadurch, bis diese Geschichte eines Tages zu Ende erzählt sein wird. Muß man? – Halten wir fest: irgendwas dreht sich im Lager mit Schmiermitteln, eine zentrale Rolle spielt das männliche Glied, das herumrollt bei zuviel Spiel. Alles dreht sich im Kopf, seit B. mit ihrer Zunge in meiner herumgerührt hat. Auf ellipitschen Bahnen in veränderlichen Winkeln. Wir hatten Händchen gehalten, bis wir allein waren und als sie mich küsste, verwandelte ich mich augenblicklich in ein Nürnberger Würstchen, nein zwei. Noch vor Wochen schien sie nichts von mir wissen zu wollen, was kein Wunder war, denn ich gab mir jede erdenkliche Mühe, meine Zungeigung vor ihr zu verbergen. Vielleicht tat sie ja desgleichen. Oder nein, in Wirklichkeit warf sie mit Zaunpfählen nach mir, aber ich gab mir jede erdenkliche Mühe, ihre Zuneigung vor mir zu verbergen. Und doch muß eine diesbezügliche Information zu mir durchgesickert sein. Irgendwas war nicht ganz dicht und so entzündete ich mich mit ihr am ganzen Körper und Geist. Liebe, Beruf, Gesundheit2012.01.21
Ist es nicht ungerecht, den Männern schon wieder den Vortritt zu lassen? Aus dem Weg, hier kommen Männer in Mannschaftswagen mit Mannschaftssportarten und den Martial Arts. Männer mit Liebe zum Fahrzeug und schwerem Gerät. Knallharte Körperbauten, Kanonenfutter für den kommenden Krieg. Kanonenfutter und Sexbomben, Knallköppe und Knallkörper. Männer als Haufen. It’s raining men, hallelujah, aber in der Regel sind es nicht grade die Chippendales, die dich alles andere als softly killen. Vereinzelte Männer sind rührend dagegen. Die einen greifen verstohlen, die anderen unverholen immer mal wieder nach ihrem Glied, um sich seiner Existenz zu versichern, so verschwindend gering sie auch ist. Wo war doch gleich der Pillemann? Ach da! Immernoch dran. Ein schwerreicher Alter wie Berlusconi läßt sich straffen und die Haare verpflanzen, um sich gut vorzukommen und seinen hoffentlich gutbezahlten Frauen zu gefallen. Wie sie sich abmühn und pumpen und strampeln, um gut dazustehen, um gestählt in den Clinch zu gehen und sich zu schlagen für eine Frau oder etwa nur, damit die anderen nicht merken, wie weich bisweilen das Herz in der Hose wird? Ob als Bediensteter eines vereinzelten Mannes oder als Auftragnehmer eines Konzerns, ich kann nicht verhehlen, daß ich die Leute, mit denen ich es zu tun bekam, meistens gemocht habe. Abgesehen von Sigmund Ihlau vielleicht, aber selbst den hatte ich in seiner Hilflosigkeit und Nervosität bei jeder zu erledigenden Aufgabe (Papier lochen, abheften, Ordner beschriften) zunächst ja ganz gern. Das war ein Irrtum. Um eine Lehre gebeten, würde ich sagen: Hilf keinem! Schon gar keinem Ihlau. Aber diese Lektion mußte ich selbst erst noch lernen. Ich schlug mich also, pumpte und strampelte mich ab, aber gut dastand ich nie. Alle schienen sich abzustrampeln, selbst Inhaber, Unternehmer, Manager – nicht nur die Ihlaus und ich. Heute denke ich, daß sie durch ihr Gestrampel allesamt eher Sand als Öl im Getriebe waren. Es waren wohl auch keine besonders begabten Unternehmer. Aber kommt es darauf an, wenn man – ob Sand, ob Öl – in jedem Fall am End verschlissen ist? Vom Standpunkt des Getriebes her schon. Das möchte schwimmen in Fett. Flutschen soll alles und gleiten im Wälzlager geschmiert mit Graphit, dann ist der Verschleiß nicht so hoch. Die Ölmühle hat ein selbstschmierendes Getriebe, die Knochenmühle nicht. Beim Abstrampeln reibt der Kopf in der Gelenkpfanne, bis er schön durchgebraten ist. Im Wälzlager mit L. molybdänbedeckt hab ich mich dafür entschädigt. Frische Stinte2012.01.19
Bevor ich erzähle, wie L. und ich einander angespült wurden wie Wale, will ich noch schildern, wie es davor gewesen sein muß und fange mit dem Einfachsten an: Ein Interesse, eine gewisse Kenntnis der Dinge, von denen er mit gewählten Worten sprach, überhaupt sein Talent – das war es, was mir D. so unwiderstehlich machte. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich es geschafft hatte, ihm so nahe zu kommen, daß wir eines Tages auf dem Bett hockten und ich seinen Schwengel in der Hand hielt. In der Erinnerung kommt es mir vor, als hätte ich beide Hände dafür gebraucht, sein Ding zu umfassen, als wollte ich es erwürgen – so wie ich später Ihlau hätte erwürgen können. Wie sollte dieses unaussprechlich dicke Ding jemals irgendwo reinpassen, fragte ich mich. Aber nur, weil ich so einen unaussprechlich engen Horizont hatte, der so eng war, daß D.s dickes Ding nicht hineinpasste, hieß das noch lange nicht, daß es nichts gab, wo es besser reingepasst hätte. Für alles gibt es was, wo es reinpasst. Ich weiß leider auch nicht mehr so genau, wie diese Episode ausging, schließlich waren wir damals dauernd betrunken, aber irgendwann hatte ich das Würgen aufgegeben. Das Ding war einfach nicht zum Einsturz zu bringen. Auch als ich selber längst in Schutt und Asche lag, ragte es noch verkohlt aber unbeugsam empor. Bei N. genügte ein Nesteln in der Hose und ein Gepflaume im Mund und alles war naß und weich. Er war sehr wohlschmeckend und roch sehr gut und ich bewunderte sein Glück bei den Frauen. Vielleicht wollte ich mir etwas davon aneignen, indem ich ihn eines Nachts überfiel. Wir waren zusammen um die Häuser gezogen und zum Schluß auf einem der Dächer gelandet, als ich sein Gesicht nahm und ihn abknutschte. Ich hatte es mir den ganzen Abend schon fest für den nächsten Augenblick vorgenommen und war sehr aufgeregt, da ich seit drei Stunden auf die passende Gelegenheit gewartet hatte, als ich entschied, dass diese nun gekommen sei. »Toller Mmblllm«, dachte ich und »Knoblauch gegessen.« Da war es auch schon wieder vorbei. Ich war sehr verknallt und hochzufrieden, als er mir am nächsten Morgen sagte, daß er sich eine Beziehung nicht vorstellen könne. So sollte es sein. P.s Prengel ähnelte meinem eigenen. Vielleicht war das der Grund, weswegen ich ihm ab und zu einen blies. P. hatte auch einen tollen Mund aber dem Geblase an meinem eigenen Gemächt konnte ich nie etwas abgewinnen. P. fands wohl gut, wenn ich ihm einen blies mit meinem nicht so tollen Mund – es schmeckte ganz danach. Hubert Fichte schrieb einmal, daß »sehr sexuelle Männer« oft schmallippig seien. Schmallippig bin ich auch und nachdem ich das gelesen hatte, durfte ich mir wie ein sehr sexueller Mann vorkommen. Ups, das habe ich schonmal geschrieben. Ein bilabialer Frikativ entwich meinem Mund. Waren wir schwul? Wie mans nimmt. Wir waren jung und standen ansonsten weiß wie die Birken mit unseren ausgreifenden Ästen in der Gegend herum und wußten nicht, was wir tun sollten. Wir fällten einander und machten uns nach Kräften zu Kleinholz like lovers do. Und es war gut so und ich denke, wir werden eines Tages darauf zurückkommen. Vario 2000 Futur2012.01.18
Im Traum lag L. am Boden und Blut floss aus ihrem Kopf. Vielleicht wünsche ich ihren Tod – wie jeder Traum eine Wunscherfüllung ist – als Kronzeugin dessen, was ich an ihr verübt habe. Ich, der ich immer schon aufgegeben, bevor ich überhaupt erst angefangen hatte, dem nachgerade das Aufgeben die Bedingung für den Anfang war, ich also, der Untote von vor dem Beginn, ich erwarte ihren Tod innerhalb der nächsten zweidrei Jahre. Mit H.’s Tod rechne ich innerhalb der nächsten zweidrei Monate. Meine Umsatzvorschauen beziehen sich auf die nächsten zweidrei Wochen. Wenn Sie mich beauftragen, brauche ich zweidrei Tage, am dritten Tag benötige ich zweidrei Stunden länger und in zweidrei Minuten können Sie es mitnehmen. L. und H. sind genauso alt wie ich. Wenn sie tot sind, wird es heißen, sie seien eines natürlichen Todes gestorben, Fremdeinwirkung ausgeschlossen. Aber zumindest auf L. haben andere dergestalt eingewirkt, daß sie sich selbst zum Verschwinden gebracht hat, man konnte es ihr zu Lebzeiten ansehen. H. verschwindet aufgrund eines genetischen Defekts zuzüglich einer Viruserkrankung, wie es heißt, bei lebendigem Leib. Wie die grammatische Konstruktion mir anzeigt, ist L. schon gestorben für mich. Aber wir sprechen uns durchaus manchmal noch, auch bei lebendigem Leibe, einmal im Jahr. Mein Ruhepuls beträgt fünfzig Herzschläge in der Minute. Die durchschnittliche Herzfrequenz beträgt sechzig Impulse in der Minute, die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt achtzig Jahre. Meine Zeit verinnt zehn Herzschläge pro Minute langsamer als die des Durchschnitts der Bevölkerung. Wenn meine Lebenserwartung gegenüber dem Durchschnitt um den gleichen Faktor erhöht ist wie mein Ruhepuls verringert, dann werde ich voraussichtlich sechsundneunzig Jahre alt. Dann wird mir Haut von den Knochen hängen, wie die von L. schon vor Jahren, dann wird mein Schädel wie durch Papier schimmern wie der von H. bereits jetzt. Man kann nicht sagen, ich lebte in der Vergangenheit. Schneekönig2012.01.16
Die Rührung, die mich schon als Kind angesichts leuchtender Kinderaugen überkam, ist mir noch immer nicht geheuer. Ich habe Kinderfotos gesehen. Meist sind es Bilder von strahlenden, lachenden Kindern mit Mausezähnchen, die irgendwas in der Hand halten. Ein kleines Geschenk, eine kleine Sache, die sie gemacht haben, irgendwas, über das sie sich freuen. Ich bin gerührt und in mir krampft sichs zusammen und sagt: Zu früh gefreut! Wenn sie lachte, sah N. auch als Erwachsene so aus wie das Kind unter dem Handtuch, das sie mal war, eine Plastikente in der Hand. Ich kann Menschen, die sich so freuen, nicht in die Augen sehen. Habe ich mich auch so gefreut? Von mir gibt es ein Foto, auf dem ich die Verpackung des Agfa-Kleinbildfilms in der Hand halte, auf dem ich grade abgelichtet werde. – Ich scheine darüber nicht so glücklich zu sein, wie über den Brustbeutel, den ich auf einem anderen Foto ins Gegenlicht blinzelnd versuche zu öffnen. Die Haltekraft des Druckknopfs ist zu stark, ich kriege das Ding nicht auf. Genausowenig wie das Seglermesser, daß mir mein Vater geschenkt hatte, als Andenken an einen Urlaub in Holland. Ich war zu schwach aber das Seltsame war, daß ich es eines Tages doch öffnen konnte, worauf es in seine Einzelteile zerfiel. Vielleicht hatte mein Vater versucht, es für mich gängig zu machen – er kannte sich mit sowas aus – und war nicht mehr fertig geworden, so daß es zerfiel, als ich es berührte. Mein Vater zerfiel berührungslos. Km 112012.01.15
![]() Glitzre, großes graues Gerichtsgebäude! Es ist der Vorkriegswinter 2011/2012, Mitte Januar, das Wetter war derartig strahlend, daß ich heulte vor Glück. Im Kinderwagen muß es so ähnlich gewesen sein, ich erinnere mich nicht so genau. Beim Laufen konnte ich viele Gesichter trotz tiefstehender Sonne erkennen und wäre bei Kilometer 11 fast allen um die Hälse gefallen. Was wollten wir in diesem Park, wenn nicht unsere Körper dahingestalten, daß wir einander gefallen? Daß wir einander um die Hälse gefallen, wenn wir nicht Sport gemacht hätten. Ich war Erich Mielke und ich, ich liebte alle Menschen, die ich laufend beobachtete. Besonders aber liebte ich heute die Frau, die sich zum Waldlauf geschminkt hatte. Wir waren eine Ansammlung recht ansehnlicher Menschen mit schicken Klamotten im glitzernden Humboldthain zu Berlin. Abends würden wir uns aufdonnern, aufbrezelen und auftakeln, daß uns Hören und Sehen vergehe. Bald würde ich ihr den Mund wieder öffnen – so leicht verheißungsvoll öffnen, wie wenn sie mir beim Laufen entgegengekommen wäre. Man soll nicht durch den Mund atmen, aber die Amerikaner wissen schon, wieso sie ihre Schauspieler oft mit offenem Munde dastehen lassen. Das bedeutet, da kann man was reintun, oder da kommt bald was raus. Now that the spring is in the air2012.01.15
Was zwischen unseren Beinen west und baumelt, was auf unserem Brustkorb blüht, was hinter unserem Rücken mit unseren Hintern geschieht – das bestimmt unser Leben. So besagt ein Sprichwort, aber es gehört doch auch dazu, wie das, was auf unseren Schädelknochen klebt, sich ausnimmt und was dahinter steckt. Man sagt, es gäbe eine direkte Verbindung vom Hirn zu den Geschlechtsteilen, man weiß nur nicht, wie es sich damit verhält. Wenn man verliebt ist und sich noch nicht so gut kennt, kann man einander von Verflossnen berichten. Wenn Muskeln und Fett und Narbengewebe noch strahlen, ist gut davon reden und geheim miteinander vergleichen. Später würde womöglich Wehmut wahrnehmbar werden und manch einer hat reuig sich darauf getrollt. Die W-Geschichte von Treue und Reue. Eine höhere Macht hat uns zueinander getrieben, sagen wir, der eine wird dem anderen ans Ufer gespült wie ein Wal. Habe ich mich nicht eigens ganzkörperrasiert, damit nicht ein Haar mehr uns trennt? Hab ich nicht vor dem Spiegel geübt, wie ich aussehen muß, damit wir uns treffen, und wie ich dreinblicken muß, wenn wir kommen? Kleide ich mich nicht in schöne Klamotten, die meine Vorzüge betonen und meine Mängel kaschieren? Hab ich nicht trainiert, nicht die Muskeln definiert? Und dann sollen Schicksal, Bestimmung und Sterne gemacht haben, daß wir unsere Geschlechtsteile für immer ineinander stecken? Teils teils, sagen wir uns. Ganzkörperrasiert ist gut, aber weder notwendig noch hinreichend. Wenn wir wissen wollen, wieso es so kam, müssen wir nachsehen, wie es so kam. Das Gehirn spielt dabei eine entscheidende Rolle, es bedarf hoher Energiezufuhr und ich muß zugeben, daß ich mich ein wenig schäme, daß ich unter diesem Vorwand gestern derartig viel gegessen habe, daß der Metabolismus noch immer mit dem Umbau der Nahrungsmittel in – ja doch vermutlich vorwiegend – Fett befasst ist, daß darunter die Konzentrationsfähigkeit leidet. Daß. Vergessen. Im Einzelnen habe ich drei Semmeln, drei Schrippen, drei Brötchen gegessen, also mir irgendwie hinzugefügt, drei hoch zwei Rundstücke, sagt man in Hamburg. Die Semmeln mit Butter und Wurst, die Schrippen mit Greyerzer Käse und Butter, die Brötchen mit Grafschafter Goldsaft auf Butter. Zum Nachtisch gab es wohl an die neun Knäckebrote mit Nutella und Butter bestrichen, man nennt das auch Hardbody’s Nut-Butter-Bread. Am Abend dann drei gehäufte Ess-Teller Fusilli mit Sauce, hoch obendrauf je drei, also insgesamt drei hoch zwei Blätter Basilikum. In Restaurants heißt das Gericht Der Edward-Teller, es formt den Atombusen und gilt als Kalorienbombe. Am Tag zuvor waren es drei Tafeln Milka mit Milch. Das muß wissen, wer verstehen will, in welchem Zustand ich dies schreibe. Es ist der Zustand des prophylaktischen Anfütterns nach einem zu erwartenden Hungerwinter. Im Park2012.01.14
![]() Hier habe ich nach meiner ersten Zigarette mein Eis ausgekotzt ![]() ![]() Hierunter ist alles hohl ![]() Hier hatte ich das Eis gekauft, als es dort noch Eis gab ![]() Hier wäre fast eine Stätte höchster Verzückung entstanden Wie alles begann2012.01.14
Taschenpfändung ist ein Wort, daß sich liest wie sexuelle Belästigung, was es von einer bestimmten Warte aus gesehen auch ist. Im Rahmen einer Zwangsvollstreckung greift der Staat in Gestalt des Gerichtsvollziehers auf der Suche nach Bargeld buchstäblich in die Taschen des Schuldners. War es das, wovor ich mein ganzes Leben lang Angst gehabt hatte? Woher kam überhaupt all diese Angst, die sich in dem Maße anzuhäufen schien, wie mein ererbtes Vermögen erst dahinschmolz, um sich dann in einen wachsenden Negativsaldo zu verwandeln? Von dem dummen Geld, das ich nicht mehr hatte? Dann hätte ich nicht so mutlos begonnen, als ich noch auf Bergen davon saß. Wie hatte ich denn eigentlich begonnen? War ich nicht frohgemut in die Welt gepurzelt und sogleich übermütig auf Schränke und Bäume geklettert, um von dort aus meine Ziele fest in den Blick zu nehmen? Vielleicht hatte ich gar keine Ziele und bin deshalb gleich wieder runtergefallen, habe mir nacheinander Beine und Arme gebrochen, bis ich keine Lust mehr zum Klettern hatte. Warum fangen wir erst an, wenn wir dann gleich wieder aufhören? Ein Beinbruch ist doch kein Weltuntergang. Oder doch? War nicht meine Welt bis heute so oft untergegangen, daß ich gar nicht mehr hätte sagen können, von welcher doch gleich die Rede war? In der Rückschau scheint es mir manchmal, als hätte ich alles immer schon mit dem Scherbenhaufen begonnen, als den ich die jeweilige Unternehmung zum Schluß dann auch verließ. Ich war ein tapferes Kerlchen und wollte nie glauben, was mir in die Wiege gelegt ward, obwohl den schlimmstmöglichen Ausgang zu kennen mir immer Verpflichtung war. Und so gehe ich bis heute die wichtigen Dinge an: Ohne Glauben oder Hoffnung – aber mit Liebe. Wie weit es gekommen ist und wie weit ich es gebracht habe, läßt sich immerhin genau bestimmen: In eine Erdgeschosswohnung im Berliner Wedding. Und ich werde nicht weichen, bis sie mich mit den Füßen voran hier raustragen – da müssen sie sich schon was anderes einfallen lassen als eine Taschenpfändung. Ich habe eine Schlagbohrmaschine, mit der ich meinen Lebensraum zu befestigen gedenke. Sollen sie nur kommen, ich werde ihnen einen gebührenden Empfang bereiten. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Die Erstürmung meiner Weddinger Wohnung bedeutet sicher einiges an Papierkram für die Beamten, damit läßt man sich sicher gern Zeit. Wahrscheinlich haben sie es im Laufe der Jahre, die die Verfahren schon anhängig sind, längst vergessen. Bürgermeister kamen und gingen, der Ostblock brach zusammen, ich zog ein und blieb. Es ist kein Verfahren anhängig und mein Geld reicht noch so lange ich lebe. Mindestens jedoch bis diese Geschichte erzählt ist. Danach kann kommen, was will. Die Plumbum2012.01.13
![]() Geschöpf an Töpferstraße mit Modeschöpfer Komische Heilige sind mir begegnet. Zum Beispiel die Masseurin, die derartig viel im Goldenen Blatt gelesen hatte, daß sie sich selbst für eine Comtessa und ehemalige Gattin von Arndt Krupp von Bohlen und Halbach hielt. Vielleicht war sie tatsächlich eine Comtessa und ehemalige Krupp von Bohlen und Halbach, hatte ihren Mädchennamen Meier wieder angenommen und arbeitete jetzt als Masseurin und Hellseherin. Zumindest letzteres entsprach ja den Tatsachen. Sie sah viel Besorgniserregendes, was ich im Gegensatz zu meinem Umfeld nicht allzu ernst nahm. Das Umfeld in Gestalt meiner liebenden Mutter versuchte jedoch händeringend, mich vor vielfältigen Bedrohungen zu schützen, die Frau Meier in Momenten der Inspiration auf mich zukommen gesehen hatte. Frau Meier war an multipler Sklerose erkrankt und ging am Stock. Vielleicht war es ihr ein Trost, einen kraftstrotzenden sehr jungen Mann wie mich allerlei Gefährdungen ausgesetzt zu sehen, die unweigerlich sein Leben zerstören würden. In gewisser Hinsicht hatte sie damit ja auch recht. Wenn Frau Meier keine Visionen vom Unglück anderer hatte, die ihr selbst sehr zuzusetzen und ihren Zustand zu verschlimmern schienen, war sie sehr liebenswürdig. Sie rauchte wie ein Schlot und stellte Dinge mit ihren Haaren an. Genau wie ich. Einer damaligen – vielleicht nur regionalen – Mode folgend sah mein Kopf aus wie ein Heuhaufen in den jamaikanischen Nationalfarben, während der Kopf von Frau Meier umrahmt und gekrönt wurde von einer tiefschwarzen voluminösen Helmfrisur, deren Vorbild dem Goldenen Blatt entnommen war. Eine ähnliche Auffassung von Haargestaltung hatten wohl Gisela Elsner oder der Modeschöpfer Moshammer, der eine wurde erdrosselt, die andere stürzte sich zu Tode. Wie Frau Meier gestorben ist, weiß man nicht, wenn sie noch lebt, dann unter einem anderen Namen, vielleicht Krupp. Ein Leben anhand der Todesart zu beurteilen ist nicht minder verrückt als einen Menschen anhand seiner Frisur, aber Haare sind wichtig, ging mir damals auf, und wer sie zu türmen, zu schichten und zu befestigen weiß, steht in einer direkten Verbindung zu jenen, die es verstanden hatten, nicht nur Haare sondern Erdmassen und Gestein zu türmen, zu schichten und zu befestigen, um in der Mitte zu thronen. Frau Meier thronte in ihrer Frisur und ihre Haare waren spirituelle Antennen. ![]() Möchten Sie so wohnen? Später, als ich in der großen Stadt mein Glück zu machen versuchte, war mir, als würden mir ständig die Originalfrisuren zu Frau Meiers Reproduktion über den Weg laufen. Ein ungeschriebenes Gesetz besagte, daß die Bedeutung einer Frau an Volumen und Widerstandsfähigkeit ihrer Frisur abgelesen werden kann. Insbesondere adelige – ob von Geburt oder durch ihre Lebensleistung – schienen dieses Gesetz zu befolgen, auch wenn sie ansonsten an Gesetzen nicht sonderlich interessiert waren. War das die herrschende Klasse? Die Chefinnen, Gattinnen und Agenturinhaberinnen, die wieder andere bedeutende Frauen einluden, die Titel trugen, die sich anhörten wie »Die Plumbum«. Die bessergestellten Damen trugen jedoch nicht nur eine Frisur und seltsame Titel, sondern auch die Originale zu Frau Meiers Webpelzmantel. Ihre Männer schienen Hanseaten und Perser zugleich zu sein. Eine unheilvolle Mischung aus König und Kaufmann. Perser – so nannte man wohl Exil-Iraner aus der Entourage von Reza Pahlavi, die sich und ihr Vermögen rechtzeitig nach Deutschland gerettet hatten. Und »Die Plumbum« war die deutsche Frau vom reichsten Perser von allem: »Dem Agar Agar«. Ich weiß wohl, daß ich da einiges durcheinanderwerfe, aber das ist unerheblich, denn es kommt wie immer auf den tatsächlichen Einzelfall an. Über den Agar Agar, mit dem ich es zu tun bekam, kann ich mich jedenfalls nicht beklagen. Er war die deutsche Antwort auf Telly Savalas (Who loves you, Baby?) und sehr freundlich zu mir. Vielleicht, weil ich seiner Tochter das Gefühl gab, das zu sein, was sie vorgab zu sein. Erst sehr viel später dämmerte mir, daß das, was ich angeblich gelernt hatte, dazu da war, höheren Söhnen und Töchtern das Gefühl zu geben, sie hätten es selbst gemacht – wie die mit den Erdmassen und dem Gestein. Und waren nicht auch die Frisuren in gewisser Hinsicht ihr eigenes Werk, von namenlosen Friseuren ausgeführt? Ja, es gab Udo Walz und in München diesen anderen Friseur, von denen der Modeschöpfer Joop behauptete, sie würden Deutschland regieren. Aber das war nicht mehr als gesellschaftlich notwendiger Schein. In Wahrheit wurden die Frisuren nicht von Udo Walz sondern von einer Vielzahl emsiger Bediensteter aufgeschichtet, die Udo Walz für geringes Geld zu Willen waren. Ich konnte bestenfalls hoffen, es mit meiner Tätigkeit eines Tages zum Udo Walz zu bringen, vielleich auch zum Joop, wahrscheinlicher jedoch war, daß ich ein emsiger Bediensteter bleiben würde. Aber das wußte ich damals nicht und hätte ich es gewußt, ich wäre Gisela Elsner vielleicht bald gefolgt. Zum Glück für meine liebende Mutter und zu meinem eigenen heutigen Verdruß war ich in dieser Zeit viel zu borniert und arrogant, um mir nicht noch bessere Chancen auszumalen. Hat irgendjemand eine Meinung wie umfassend dies verallgemeinerbar ist?2012.01.12
Das ist nicht der Islam
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